Einstieg in die Giftschlangenpflege
Aus Schlangengrube-Wiki
Artikel von Thomas Eimermacher
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Einführung
In vielen der Internetforen wird immer wieder die Frage gestellt, welche Giftschlangenart für den Einstieg am besten geeignet sei. Obwohl es ein bisschen paradox erscheint, wenn die Wörter 'Anfänger' und 'Giftschlangen' in einem Satz verwendet werden, ist die Frage als durchaus berechtigt anzusehen, vorausgenommen, dass die betreffende Person bereits jahrelange Erfahrung mit der Haltung und Pflege von ungiftigen Schlangenarten hat.
Ziel dieses Artikels ist es, eine bessere Vorstellung zu bereiten, welche Erfahrungen, Vorbereitungen, und welches Wissen zum Einstieg in die Haltung von Giftschlangen notwendig ist. Auf keinen Fall soll dieser Bericht Aussenstehende dazu motivieren, plötzlich Giftschlangen zu halten. Die Entscheidung, diese faszinierenden, jedoch potentiell sehr gefährlichen Tiere zu pflegen ist eine sehr persönliche, und sollte gut durchdacht und nicht unterschätzt werden. Natürlich ist der hier beschriebene Weg mit den angegebenen Vorbereitungsmöglichkeiten bei weitem nicht der einzige, dafür gibt es einfach zu viele Möglichkeiten und Wege, um verantwortungsvoll Giftschlangen zu pflegen. Es ist natürlich schwer, ein genaues Rezept für den Weg in die Giftschlangenpflege zu beschreiben, da jeder Halter auf unterschiedliche Weise dazulernt, und ausserdem auch andere Vorstellungen und Ziele hat.
Jedem, der daran interessiert ist, ist zu raten, sich die Sache *sehr* gut zu überlegen, da dies mit sehr ernstzunehmenden Risiken verbunden ist, die einem unter Umständen ein Körperteil oder sogar das Leben kosten können. Dies ist kein Spiel oder Werkzeug der Selbstbestätigung, und alle, die nach einem Thrill suchen, sollten sich lieber nach anderen Hobbies umsehen, denn einen Fehler hier kann man sehr teuer bezahlen. Ein Giftschlangenbiss ist immer eine ernstzunehmende Situation, die umgehende ärztliche Hilfe verlangt. Viele kennen den Spruch "Its not whether you get bit, its when you get bit". Obwohl dieser Spruch allgemein nicht zustimmt, trifft er doch immer noch zu häufig zu.
Erst in der vergangenen Woche ist ein Halter in Bradenton, Florida von einer Gabunviper (Bitis gabonica) gebissen worden. Der Biss erfolgte bei der Zwangsfütterung des Tieres, eine der potentiell gefährlichsten Situationen in der Giftschlangenhaltung. Das Opfer, ein 24-Jähriger, wurde mit dem entsprechenden Gegengift von der Florida Antivenom Bank versorgt, und hat den Biss relativ glimpflich überstanden. Dies war bereits der dritte Biss des Opfers in diesem Jahr! Kaum zu glauben, dass der Betroffene als Pfleger für Jungle Gardens gearbeitet hatte, wovon er nach seinem zweiten Biss gekündigt worden war. Nachsicht kann also auch (relativ) erfahrenen Pflegern zum Verhängnis werden. Hinzu kommen die ungemein hohen Kosten, die die Behandlung eines Giftschlangenbisses abverlangt. Gesamtkosten von $20,000 bis $30,000 US-Dollar werden als normal angesehen, und Fälle mit Kosten bis über $162,000 US-Dollar sind bekannt (Rubio, 1998). Je nach Versicherung und Krankenkasse kann ein solcher Biss also in einer finanziellen Katastrophe enden, d.h. falls man überlebt. Manche Versicherungen werden sich weigern, einen solchen exotischen Vorfall zu übernehmen, und für die Kosten aufzukommen.
Hinzu kommt, dass das Potential da ist, dass man auch seine Mitmenschen in Gefahr bringen kann. Eine entwichene Giftschlange ist eine äusserst ernstzunehmende Situation, die in einer Katastrophe enden kann. Man sollte sich hier nichts vormachen, ein Ausbruch wäre einzig und allein die Schuld des Pflegers - kein wenn und aber! Der Ausbruch einer Arabischen Sandrasselotter (Echis coloratus) im Mai 2000 hat gezeigt, wie ernst eine solche Situation ist.
Man sollte sich ausserdem darüber im klaren sein, dass das notwendige Gegengift eine entscheidene Rolle im Falle eines Bisses spielt, und dass man dies als Halter am besten selber parat hält, oder aber dass man zumidest weiss, wo es gelagert wird. Im Ernstfall kann die Entfernung eine wichtige Rolle spielen.
Grundvoraussetzungen
Als Grundvorraussetzung sollte man auf jeden Fall fortgeschritten in der Schlangenhaltung und Pflege sein, und zwar soweit, dass man mit allen alltäglichen Problemen und Aufgaben ohne weiteres fertig wird. Es ist also nicht der richtige Zeitpunkt, um zu lernen, wie man Standart-Probleme, wie z.B. Häutungsschwierigkeiten, löst. Man sollte mindestens einige Jahre lang ungiftige Schlangen verschiedener Gattungen pflegen, bevor man die Giftschlangenhaltung anstrebt.
Besonders empfohlen ist die Haltung von agilen Natternarten, da diese einen viel besser auf Giftschlangen vorbereiten als träge Riesenschlangen. Die Pflege eines 5-meter Netzpythons (Broghammerus reticulatus) hat recht wenig mit der Haltung von Giftschlangen gemeinsam, und bereitet einen dementsprechend unzureichend darauf vor. Schnelle und aggressive Natternarten, wie z.B. Kletternattern (Elaphe taeniura) oder Zornnattern (Coluber constrictor) eignen sich dafür recht gut. Diese Arten sind ausserdem nicht immer unbedingt einfach zu halten, und deren Schnelligkeit und Aufmerksamkeit werden den Pfleger auf Trapp halten.
Vorbereitung
Es ist natürlich schwierig, sich verlässlich mit der Haltung von einer Art auf die Haltung einer anderen vorzubereiten. Kaum zwei Arten sind in der Verhaltensweise genau gleich, allerdings zeigen manche Arten recht ähnliches Verhalten oder haben sonst sehr ähnliche Eigenschaften, die dem Halter in der Vorbereitung durchaus nützlich sein können. Auf keinen Fall aber sollte man Arten halten, die einem nicht gefallen, denn das würde offensichtlich nachteilig für Tier und Pfleger sein, und würde im Endeffekt wenig Sinn ergeben.
Gleichzeitig sollte man einen erfahrenen Giftschlangenhalter aufsuchen, der einem als Mentor beizustehen bereit ist, und durch welchen man die Möglichkeit hat, mit Giftschlangen unter Aufsicht selber zu arbeiten. Dies ist bei weitem der wichtigster Teil der Vorbereitung, und sollte unbedingt angestrebt werden. Die Erfahrungen, Tips und Tricks, die man von erfahrenen Haltern lernen kann, sind Gold wert. Wenn man sich dann gut vorbereitet fühlt, kann man zur Probe einige schnelle Natternarten wie Giftschlangen halten, am besten über eine relativ lange Zeit. Die Schlange(n) sollte(n) genau wie Giftschlangen behandelt werden, mit den entsprechenden notwendigen Tools, wie Schlangenhaken und Schlupfkiste. Dies ist eine ausgezeichnete Übung, und wird einem schnell bewusst machen, welche potentiellen Schwierigkeiten bei der Pflege von Giftschlangen auftretten. Besonders praktische Sachen, wie Wartungsarbeiten im Terrarium und die damit verbundene Anwendung der entsprechenden Werkzeuge lassen sich so sehr gut üben. Auch wird einem schnell bewusst, dass man anfänglich öfter mal 'versehentlich' in die Reichweite der Schlange kommt. Es ist besonders wichtig, dass man sich die korrekten Techniken von Anfang an angewöhnt, denn eine Grauzone gibt es nicht.
Sollte man während dieser Probezeit von der ungiftigen Schlange gebissen werden, ist weitaus mehr Übung erforderlich. Man sollte dies so gut beherrschen, dass man nicht nur nicht mehr gebissen wird, sondern dass die Schlange auch keine Chance mehr erhält, um einen Biss zu erteilen. Es sollte als selbstverständlich angesehen werden, dass während dieser Zeit viel Lesen und Research angestrebt werden müssen. Dies ist sehr wichtig in der Terraristik allgemein, und umso mehr in der Haltung giftiger Tiere. Selbst erfahrene Halter werden gebissen, ein eindeutiger Beweis dafür, dass man nie an Erfahrungen auslernen kann, und dass man daher unbedingt von den Fehlern anderer lernen sollte. Wenn man nun für die Giftschlangenhaltung bereit ist, wird man das selber wissen. Sollten da noch Zweifel sein, ist das meistens nicht der Fall.
Einstieg
Zum Einsteig wird die Haltung von Trugnatternarten empfohlen, deren Gift als mild angesehen wird. Mangrovennachtbaumnattern (Boiga dendrophila) und Falsche Wasserkobras (Hydrodynastes gigas) eignen sich dafür recht gut, und sollten genau wie wahre Giftschlangen behandelt werden. Man sieht zwar immer wieder Halter, die ihre Trugnattern wie ungiftige Arten behandeln und in die Hand nehmen, aber davon soll stark abgeraten werden, da selbst einige als mild angesehene Arten unter Umständen enorme Schäden verursachen können. Ein Biss von diesen Arten geht zwar meistens glimpflich aus, jedoch besteht immer die Gefahr der Anaphylaxis, welche im Extremfall auch tödlich verlaufen kann. Trugnattern sollte man eine Weile lang pflegen, bevor man sich an die echten Giftschlangen heranwagt. Zu diesem Zeitpunkt wird man nun genug Erfahrung und Wissen haben, um kleine Grubenottern verantwortungsbewusst zu pflegen.
Der Kupferkopf (Agkistrodon contortrix) eignet sich hervorragend für den Einstieg. Es ist eine wunderschöne, nicht zu grosse, und relativ milde Art, die einem den Anfang nicht allzuschwer machen wird. Weitere Arten, die sich gut für den Einstieg eignen, sind Zwergklapperschlangenarten (Sistrurus), und unter Umständen auch einige baumbewohnenden Arten, wie z.B. einige der asiatischen Lanzenottern (Trimeresurus). Bei baumbewohnenden Arten sollte allerdings beachtet werden, dass man vorher schon unbedingt ausgiebige Erfahrung mit ungiftigen arborealen Arten haben sollte, da deren Haltung und Pflege sich wesentlich von terrestrialen Arten unterscheidet.
Wie einige Arten sich relativ gut für Einsteiger eignen, so sind andere Arten absolut ungeeignet für diesen Zweck, und sollten daher generell nur von erfahrenen Giftschlangenpfleger gehalten werden. Fernhalten sollten sich Einsteiger auf jeden Fall von Giftnattern (Elapidae), die durch ihre Schnelligkeit und starkes Gift einem unerfahrenen Giftschlangenpfleger schnell sehr gefährlich werden können. Auch grosse Grubenottern (Crotalidae) sollten unbedingt gemieden werden. Arten wie Diamantklapperschlangen (Crotalus adamanteus, Crotalus atrox), Waldklapperschlangen (Crotalus horridus), Mojave-Klapperschlangen (Crotalus scutulatus), Amerikanische Lanzenottern (Bothrops), etc. sind durch die Kombination von Schlagkraft, Treffsicherheit, lange Giftzähne, und starkes Gift in grosser Menge sehr gefährlich. Bei den Vipern (Viperidae) sollte man auf alle Fälle einen grossen Bogen um aggressive Arten mit starkem Gift machen, wie z.B. Puffottern (Bitis) und Sandrasselottern (Echis).
Zusammenfassung
Im Endeffekt muss jeder Halter selber wissen, wann er für die verantwortungsbewusste Haltung von Giftschlangen bereit ist, und welchen Weg er/sie nimmt, um sein/ihr Ziel zu erreichen. Welche Art auch immer für den Einstieg gewählt wird, der Halter muss immer einen kühlen Kopf bewahren, und das Tier immer mit dem notwendigen Respekt behandeln. Manche Pfleger werden mit der Zeit nachsichtig, und das ist eine der grössten Gefahren. Nachsicht kann tödlich sein!
