Über den Tellerrand, ein Plädoyer für untervertretene Arten
Aus Schlangengrube-Wiki
Über den Tellerrand, ein Plädoyer für untervertretene Arten
von Sinael & DieRaeubertochter
Die Terraristik wird heute von einem weitaus grösseren Prozentsatz der Bürger als Hobby betrieben als je zuvor. Das hat zur Entwicklung sehr guter Produkte geführt (z.B. Beleuchtung, Mess- und Regeltechnik) aber auch zu einer Vielzahl an Arten die heute in den Terrarien privater Liebhaber erfolgreich vermehrt und gepflegt werden. Die Verfügbarkeit vieler Arten ist besser und auch das Wissen um die Artgerechte Pflege und Nachzucht sehr vieler Arten ist heutzutage grösser und für die breite Masse an Terrarianern einfacher zugänglich als je zuvor.
Seit einigen Jahren ist leider eine sehr bedauerliche Entwicklung eingetreten, nämlich das Neulinge sich ausschliesslich über das Internet informieren und daher paradoxerweise ihren geistigen Horizont einengen anstatt ihn zu erweitern. Das Internet an sich ist ja ein wundervolles Werkzeug, man findet Bilder und Informationen zu einer Vielzahl an Tieren - wenn man danach sucht, und vorallem weiß WONACH man sucht. Das erste bedauerliche ist, das viele Neueinsteiger ausschliesslich das WWW und Internetforen wie die Schlangengrube dazu nutzen um sich nach einem geeigneten Terrarienpflegling zu erkundigen. Dazu kommt, dass oftmals gerade auf grossen Portalseiten leider nur wenig Pluralismus gepflegt wird.
So stehen zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Plädoyers beispielsweise im Natternforum 5423 Themen. Von diesen allein stehen 1783 Themen (32,8%) und 20791 Beiträge (36,7%) im Kornnattersubforum. Bei den Riesenschlangen dominiert der Königspython 1005 Themen (16,5%) bei 6093 Themen Riesenschlangenforum insgesamt. Für Abgottschlangen existiert kein eigenes Subforum, jedoch ist anzunehmen, dass sie einen ähnlich grossen Anteil der Forenbeiträge ausmachen. Warum ist eine derartige Entwicklung bedenklich? Schlicht und ergreifend daher, dass es nun einmal ca. 3000 Schlangenarten gibt und nicht nur drei!
Die drei genannten Arten sind mit Sicherheit keine schlechten oder uninteressanten Pfleglinge, ganz im Gegenteil. Jedoch stellt sich die Frage warum es denn immer eine dieser drei Arten sein muss? Oder andersherum gefragt: Warum will ich lieber eine „black-yellow-banded“ Kornnatter als eine Amurnatter? Warum eine "striped" Kornnatter anstelle einer Everglades Kükennatter? Oder weshalb einen „red-axanthic“ Königspython, anstelle einer Fords Schlankboa? Zum Teil erweckt der Farbmorphen"wahn" wirklich den Eindruck, er soll die mangelnde Artenvielfalt in einer sehr kleinen Gruppe schöner Pfleglinge wettmachen. Warum eine Salmon Kaiserboa anstelle einer Regenbogenboa? Weshalb eine Abgottschlange mit Verbreitungsgebiet Surinam anstelle einer Acrantophis madagascariensis? Und warum ist die Inselkletternatter so unpopulär obwohl nicht viel anders zu pflegen als beispielsweise die Kornnatter?
Stehen möglicherweise ökonomische Interessen im Vordergrund, so dass das Tier nur noch als „Investment“ betrachtet wird welches sich später einmal durch die erbrachten Nachzuchten „rechnen“ muss? Oder ist es einfach die Unwissenheit der Terrarianer, dass Mutter Natur schon von sich aus wunderschöne Exemplare geschaffen hat? Ein bisschen von beidem ist als Antwort wahrscheinlich. Letzterem lässt sich immerhin entgegentreten indem man Anfänger bewusst auf die Vielfalt an Schlangen hinweist.
Denn betrachtet man die Foren und verfolgt Fragestellungen von Anfängern oder Neulingen bzw. die Antworten darauf, so fällt auf, dass gerade Anfängern fast ausschliesslich oben genannte Tiere empfohlen werden und das, obwohl die Terraristikwelt deutlich mehr zu bieten hat! Darunter sind auch viele relativ leicht zu haltende Tiere, die mit etwas suchen auch durchaus als Nachzuchten erhältlich sind. Leider lässt sich auch hier ein Trend verzeichnen: Die allermeisten Leute welche Antworten zu Anfängerfragen posten, scheinen selbst nicht zu wissen, dass es diese gut haltbaren leicht zu pflegenden, im Preis erschwinglichen Tiere überhaupt gibt. Zwar kennen sie die neuesten Farbmorphenkreationen mit Bezugsquelle, Erstzüchter und Preis Centgenau, jedoch über den Tellerrand hinausschauen tun die wenigsten.
Das Poblem welches aus einer derartigen Situation erwächst ist folgendes: keine Nachfrage -> kein Absatz der Jungtiere -> keine Zucht dieser Tierarten. Wenn aber Arten von denen heute schon stabile Zuchtstämme in den Terrarien gepflegt werden in Zukunft nicht mehr nachgezogen werden, weil man sie nicht losbekommt (kennt keiner, will keiner) führt das früher oder später zum Aussterben dieser Tierarten als Nachzucht in unseren Terrarien. Vor dem Hintergrund, dass es in Zukunft sehr viel schwerer (wenn nicht sogar unmöglich) sein wird viele Tierarten als Wildfänge zu importieren, ist das sich abzeichnende Artensterben in den Terrarien ein ernstzunehmendes Problem. Zumal in Zeiten, wo manche Organisation gerne die ganze Exotenhaltung verbieten würde und damit bedauerlicherweise auch noch Gehör findet, die Nachzucht und Arterhaltung oftmals ein wichtiges Argument für die Exotenhaltung ist.
Abhilfe liesse sich durchaus schaffen, indem man beispielsweise statt konkret einer Kornnatter einem Fragenden die ganze (ehemalige) Gattung Elaphe vorschlägt. So hat derjenige ein Stichwort mit dem er im Internet viele Informationen, Bilder und Haltungsberichte von gleich mehreren Arten und Varianten findet. Und gerade Einsteiger in unser wunderschönes Hobby sollte man auch darauf hinweisen dass sich längere Anfahrten zum Kauf eines bestimmten Tieres wirklich lohnen können und in Kauf genommen werden sollten.
Leider haben auch manche Bücher einen sehr hohen Preis, so dass sich ein Anfänger der zunächst allgemeine Informationen sucht, davon möglicherweise abschrecken lässt. Oftmals hört man dann Sätze wie: „das Buch brauche ich nicht, steht doch alles im Internet!“ . Im Internet steht leider auch viel Mist und erschreckenderweise verbreiten sich Fehlinformationen und Unwahrheiten im WWW mit Lichtgeschwindigkeit (man denke nur an die auf Internetforen und Homepages fast ausschliesslich im falschen Kontext benutzte Bezeichnung "nominat", oder aber der Begriff "Boa.c.i./Boa.c.c." anstelle Kaiserboa oder Abgottschlange).
Hier aber wiederum könnten die Halter die bereits mehrere Schlangen pflegen und viele Bücher besitzen mit Vorschlägen aushelfen, bis der Suchende sein Feld soweit eingeengt hat, das sich die Anschaffung eines konkreten Buches eher lohnt. Gerade Übersichtswerke wie „Ungiftige Schlangen“ von Ludwig Trutnau oder Mehrtens „Schlangen der Welt“, aber auch andere gute Einstiegslektüre wie „Schlangen“ von Friedrich Golder sollten dem Anfänger helfen seinen Horizont zu erweitern. Daher seien den Anfängern gerade diese Bücher mit Nachdruck empfohlen! Kleine preiswerte Monographien über eine bestimmte Art wie sie mittlerweile von verschiedenen Verlagen angeboten werden sind zwar sehr hilfreich und oftmals sehr gut recherchiert, zeigen dem Neuling jedoch nicht die Vielgestalt dieser schönen Tiergruppe auf.
In Zoos und auf Börsen, sowie bei Züchtern von denen man nur eine bestimmte Art kaufen möchte kann man ebenfalls teilweise selten gepflegte oder einem bis dato unbekannte schöne Schlangen entdecken. Statt sich zu Spontankäufen hinreißen zu lassen, dokumentiert lieber indem ihr euch den Namen aufschreibt, vielleicht auch noch Fotos macht und stellt die Tiere möglicherweise hier im Schlangengrube-Forum oder im Schlangengrube-Wiki vor.
Liebe Terrarianer, lasst nicht zu das die Artenvielfalt in unseren Terrarien abnimmt! Erhaltet und fördert die Diversität in unseren Terrarien! Nur so können wir uns auch in Zukunft weiterhin an der Mannigfaltigkeit der Natur in unseren Terrarien erfreuen.
